Pater Pio über Lesen der Bibel & geistlicher Bücher
Im folgenden ein Auszug aus einem der Briefe des Pater Pio über den großen Wert vom Studium der Heiligen Schrift und anderer geistlicher Büchern.
Brief des Pater Pio an Raffaelina, 28.07.1914:
5 . – Was Eure Lektüre betrifft, gibt es wenig zu bewundern und fast nichts Erbauliches. Es ist unbedingt erforderlich, dass Ihr zu Eurer Lektüre auch die der Heiligen Schrift hinzufügt, die von den Kirchenvätern so sehr empfohlen wird. Und ich kann Euch nicht von dieser geistlichen Lektüre entbinden, denn es liegt mir zu viel an Eurer Vollkommenheit. Ihr müsst, wenn Ihr aus dieser Lektüre den erhofften Nutzen ziehen wollt, Euer Vorurteil in Bezug auf den Stil und die Form, in der die heiligen Bücher geschrieben sind, beiseitelegen.
Ans Werk also und gebt Euch Mühe dabei, ohne zu vergessen, in Demut um die göttliche Hilfe zu bitten.
Man kann dabei schwer getäuscht werden, und ich will und kann Euch das nicht verheimlichen. Ich muss Euch zu meiner großen Schande gestehen, dass auch ich in eine solche Täuschung verwickelt war, und wenn der barmherzige Herr mir nicht in seiner Güte zur rechten Zeit die Augen geöffnet hätte, wer weiß, in welchen Abgrund ich gestürzt wäre.
Ich bin der Wahrheit dieses Zeugnis schuldig: nie habe ich in mir auch nur den geringsten Drang für jene Bücher verspürt, die die Unschuld und Reinheit der Sitten beflecken könnten, denn ich habe von Natur aus den größten Abscheu vor jeder Unanständigkeit, auch der kleinsten. Ich suchte in jenen zwar anständigen, aber doch immer weltlichen Büchern nichts anderes als wissenschaftliche Nahrung und eine redliche geistige Erquickung zum Zeitvertreib. Dennoch fügte diese Lektüre, trotz meiner unschuldigen Absichten, meinem Herzen tiefe Wunden zu und hielt mich zumindest immer am selben Platz fest, ohne auch nur eine einzige Tugend zu gewinnen; das Schlimmste dabei war, dass meine Liebe zu Gott immer mehr abkühlte.
Die wachsame Gnade des himmlischen Vaters hat mich vielen Gefahren entrissen, wobei er gewissermaßen gegen meinen Willen zu kämpfen schien, um zu verhindern, dass ich mich ganz und gar verirrte. Mit väterlicher Fürsorge und liebevoller Ausdauer schien unser gelobter Gott ein wirksames Mittel zu suchen, um mich zu sich zurückzurufen. Und ich Narr floh vor ihm, floh immerzu, aber die göttliche Gnade besiegte mich schließlich doch. Oh! wie froh war ich, von so einem lieben Vater besiegt worden zu sein! Oh! gepriesen sei immer dieser zärtlichste Bräutigam, der mir armen Wicht so ein Übermaß an Geduld und Güte zuteilwerden ließ!
Der Schaden, den die Entbehrung der Lektüre der Heiligen Schrift den Seelen zufügt, ist schauderhaft.
6. – Die heiligen Väter drücken sich folgendermassen aus, um die Seele zu einer solchen Lektüre zu ermahnen.
Der heilige Bernhard lehrt in der «klösterlichen Treppe»[1] vier Stufen oder vier Mittel, um zu Gott und zur Vollkommenheit aufzusteigen; und er sagt, dass dies die Lesung und die Betrachtung, das Gebet und die Beschauung ist (lectio, meditatio, oratio, contemplatio). Um zu beweisen, was er sagt, führt er die Worte des göttlichen Meisters an: «Sucht und ihr werdet finden, klopft an und es wird euch aufgetan werden»[2], und er wendet dies auf die vier Mittel oder die vier Stufen der Vollkommenheit an und sagt, dass wir durch das Lesen der Heiligen Schrift oder anderer heiliger und frommer Bücher Gott suchen; durch die Betrachtung finden wir ihn, durch das Gebet klopfen wir an sein Herz und durch die Beschauung treten wir in das Schauspiel der göttlichen Schönheiten ein, die durch die Lesung, die Betrachtung und die Beschauung sich unserem Blick geöffnet haben.[3]
Die Lesung, sagt der Heilige andernorts, ist gleichsam die geistliche Nahrung für den Gaumen der Seele, die Betrachtung das Kauen, das Gebet verkostet den Geschmack und die Beschauung ist die Süssigkeit dieser geistlichen Nahrung, die die ganze Seele erquickt und stärkt. Die Lesung hält sich bei der Rinde dessen auf, was man liest; die Betrachtung dringt ins Mark vor; das Gebet geht auf die Suche durch ihr Fragen; die Beschauung erfreut sich, wie wenn sie es schon besässe.
Es ist unbeschreiblich, wie sehr der heilige Hieronymus die Lektüre der heiligen Schriften schätzte. Der Witwe Salvina empfiehlt er, sie solle stets heilige Bücher in Händen halten, weil diese ein starkes Schild sind, um alle bösen Gedanken zu verwerfen, durch die vor allem das jugendliche Alter geplagt wird.[4]
Dem heiligen Paulinus schärft er dasselbe ein: «In deinen Händen sei immer ein heiliges Buch, das deinem Geist durch das andächtige Lesen Weide schenkt.»[5]
Der Witwe Furia gibt er zu verstehen, dass sie die Heilige Schrift und die Bücher der Kirchenlehrer oft lesen soll, deren Lehre heilig und gesund ist, damit sie nicht müde werde, die falschen Blüten vom Gold der Heiligen und der gesunden Lehre zu unterscheiden.[6]
Demetrias schreibt er: «Liebe die Lesung der heiligen Schriften, wenn du von der göttlichen Weisheit geliebt, von ihr bewahrt und in Besitz genommen werden willst. Früher schmücktest du dich auf vielerlei Weise», fügt der heilige Kirchenlehrer sogleich hinzu, «du trugst Juwelen und Schmuckstücke um den Hals, kostbare Edelsteine an den Ohrringen. In Zukunft sollen die heiligen Lesungen deine Edelsteine und deine Freuden sein, mit denen du deinen Geist mit heiligen Gedanken und frommen Wünschen schmückst.»[7]
Dasselbe sagt der heilige Gregor durch das Bild des Spiegels: «Die geistlichen Bücher sind wie ein Spiegel, den Gott uns vor die Augen hält, damit wir uns in ihm sehen und unsere Fehler bessern und uns mit jeglicher Tugend schmücken. Wie sich die weltlichen Frauen oft im Spiegel betrachten und dann jeden Makel des Gesichtes säubern, die Frisur ausbessern und sich auf tausend Weisen schmücken, um in den Augen der anderen anmutig zu erscheinen, so soll der Christ sich die heiligen Bücher oft vor Augen führen, um darin die Fehler zu entdecken, die er ausbessern soll und die Tugenden, mit denen er sich schmücken soll, um den Augen seines Gottes wohlgefällig zu sein.»[8]
7. – Ich verzichte darauf, weitere Autoritäten anzuführen. Ich mache Euch darauf aufmerksam, welche Kraft die heilige Lesung enthält, um auf dem Weg umzukehren und sogar die weltlichen Personen dazu bringt, auf dem Weg der Vollkommenheit zu gehen. Dazu genüge Euch, über die Umkehr des heiligen Augustinus nachzudenken. Wer hat diesen grossen Mann für Gott erobert? Der letzte Eroberer war am Schluss weder die Mutter durch ihre Tränen, noch der grosse heilige Ambrosius mit seiner göttlichen Redegewandheit, sondern es war das Lesen eines Buches.
Wer das Buch seiner Bekenntnisse liest, kann die Tränen nicht zurückhalten. Welch furchtbaren Kampf focht er in seinem armen Herzen gegen die grossen Widerstände aus, die er verspürte, als er die zweideutigen Genüsse der Sinne lassen sollte. Er sagt von sich, dass er gezwungen war, zu ächzen, weil er von seinem Willen wie mit starker Kette gebunden war und dass der höllische Feind seinen Willen durch die Fesseln einer rohen Notwendigkeit festhielt. Er sagt, dass er Todesqualen litt, als er sich von seinen verwerflichen Gewohnheiten trennen sollte. Er fügt hinzu, dass, als er sich dazu entschloss, seine alten Eitelkeiten und seine Genüsse ihn vom guten Vorsatz abbringen wollten und ihm so zuflüsterten: «Du verlässt uns also? Von diesem Augenblick an werden wir also auf ewig nie mehr mit dir sein?» Aber während der Heilige von diesen so lärmenden Leidenschaften bekämpft wurde, hörte er eine Stimme, die ihm sagte: «Nimm und lies.» Er gehorchte dieser Stimme sofort, und als er so ein Kapitel des heiligen Paulus las, wurden die dichten Nebel seines Geistes gelichtet, die ganze Härte seines Herzens verschwand und sein Geist hüllte sich in volle Heiterkeit und in ruhige Stille. Von jenem Augenblick an brach er mit der Welt, dem Teufel und dem Fleisch, gab sich ganz dem Dienst Gottes hin und wurde so jener grosse Heilige, den man auf den Altären ehrt.[9]
8. – Die Geschichte erzählt uns weiter vom heiligen Ignatius von Loyola, der durch eine geistliche Lesung, die er nicht aus Frömmigkeit machte, sondern einzig wegen des Wunsches, die Langeweile einer leidvollen Krankheit zu vertreiben, vom Hauptmann eines irdischen Königs zum Hauptmann des Königs des Himmels gewandelt wurde.
Vom heiligen Kolumban lesen wir weiter, dass er sich durch die Lesung eines heiligen Buches, die er mehr aus Gefälligkeit gegenüber seiner Begleiterin als aus Frömmigkeit machte, sich ganz verwandelt fühlte und sich Gott ganz weihte.
9. – Wenn nun die Lektüre der heiligen Bücher eine solche Macht hat, weltliche Personen zu geistlichen Personen zu machen, wie viel mächtiger muss eine solche Lektüre für geistliche Personen sein, um sie zur grösseren Vollkommenheit zu führen?
Ich führe hier nur ein Beispiel an, jenes des heiligen Hieronymus. Er selber erzählt, dass er sich von den Sehenswürdigkeiten Roms nach Palästina zurückzog. Dort verbrachte er Tage und Nächte mit Fasten, Nachtwachen, Gebet und mit andern strengsten Bussen. Trotz dieser grossen Strenge blieb ihm ein Fehler, der für seinen geistlichen Fortschritt sehr gefährlich war und dies war eine übermässige Liebe, weltliche Bücher zu lesen und eine gewisse Abscheu gegenüber den heiligen Büchern wegen des wenig gebildeten Stiles, den er ihnen zu entdecken meinte; er erachtete dies, wie er selbst bekannte, als Fehler und Schuld der Sonne, was Fehler seiner Augen war.
Es brauchte ein sehr starkes Heilmittel, um ihn wieder zu Verstand zu bringen. Der Herr sandte ihm eine Krankheit, die ihn an den Rand des Todes brachte. Als er am Sterben war, entrückte ihn der Herr im Geist vor sein Gericht. Dort wurde er gefragt, wer er sei. Der Heilige antwortete: «Ich bin Christ; ich bekenne keinen andern Glauben als den Euren, o mein Herr.» «Du lügst», antwortete der göttliche Richter, «du bist ein Ciceronianer» (der Heilige liebte die Lektüre der Bücher Ciceros sehr), «denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.» Der göttliche Richter befahl, dass er gegeisselt würde. Vor Schmerz der Schläge weinte der Heilige, bat um Erbarmen und rief mit lauter Stimme: «O Herr, hab Barmherzigkeit mit mir!» Die Engel, die vor dem göttlichen Gericht standen, begannen, für ihn um Erbarmen zu flehen und versprachen dem göttlichen Richter in seinem Namen die Besserung dieses Fehlers. Der heilige Hieronymus schwor und versprach mit aller Glut seines Geistes, dass er keine weltlichen und profanen Bücher mehr lesen würde, sondern nur noch heilige.
Als er das gesagt hatte, kam er zum Erstaunen der um ihn Herumstehenden wieder zu Sinnen, die meinten, er sei gestorben. Der Heilige sagte weiter, dass diese Vision keine Sinnestäuschung gewesen sei, weil seine Augen noch voller Tränen waren, die Schultern von den Geisselhieben mit blauen Flecken übersät und der Leib durch die rohen Schläge verwundet. Nach diesem Ereignis widmete sich der Heilige mit ganzer Glut seiner Seele der Lektüre heiliger Bücher, die ihm sehr nützlich war.
Ich schliesse; ich kann wirklich nicht mehr. Ich empfehle Euch, die Betrachtung wieder aufzunehmen. Betet für meine zutiefst betrübte Seele.
Der Herr gebe Euch und Eurer Schwester Frieden und Trost in Eurem Kummer.
Euer Diener
Pater Pio
[1] Scala claustralium.
[2] Mt 7.7; Lk 11,9.
[3] Bernhard von Clairvaux, Scala claustralium sive tractatus de modo orandi.
[4] Hieronymus, Brief ad Salvinam, Epistula 79.
[5] Hieronymus, Epistula 53
[6] Hieronymus, Epistula 54.
[7] Hieronymus, Epistula 130.
[8] Gregor der Grosse, Moralia in Job, Buch 2.
[9] Augustinus, Bekenntnisse, Buch 8, Kap. 12.